Jesus als Lehrer – ist in der Forschungsdisziplin Christian Education ein beliebter Titel. Meist wird in diesem Zusammenhang gefragt: Wie war Jesus als Pädagoge? Und was kann das für eine christlich motivierte Pädagogik bedeuten?

Aber der Titel Jesus als Lehrer ist auch ein Stück neutestamentlicher Forschungsgeschichte. Im Jahr 1980/81 wurde Rainer Riesner mit diesem Thema an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen promoviert. Mehr als 40 Jahre später hat er nun die 4. Auflage dieses monumentalen Werks veröffentlicht. Dabei hat er seine Monographie um die Third Quest for Jesus, die neuere sozialgeschichtliche Erkenntnisse über Judäa und Galiläa und die Texte aus Qumran erweitert.

40 Jahre Forschungsgeschichte

Rainer Riesner war 15 Jahre Professor für Neues Testament am Institut für Evangelische Theologie an der Universität Dortmund. Seit 2013 ist er Professor im Ruhestand.

In diesem Beitrag rezensiere ich seine 2023 in einem Umfang von 864 Seiten erschienene Arbeit, die bereits in den Jahren 1981, 1983 und 1988 veröffentlicht wurde.

Rezension

Riesner, Rainer 2023. Jesus als Lehrer: Frühjüdische Volksbildung und Evangelien-Überlieferung. 4., vollst. neubearb. Aufl. (WUNT, 504).

864 Seiten. 129,– €
ISBN 978-3-16-162491-1

Riesner 2023 – Jesus als Lehrer

Riesner formuliert seine Fragestellung klar: „Die Rückfrage nach einem möglichen Ursprung der Evangelien-Überlieferung bei Jesus selbst ist das Hauptthema der vorliegenden Untersuchung“ (:158). Es geht dem Autor um „die Rolle, die Lehren und Lernen der Sache nach in der vorösterlichen Verkündigungssituation Jesu gespielt haben … [und] um die äußere, sozusagen ‚technische‘ Seite der Verkündigung Jesu“ (:182). Die Monographie widmet sich dieser „historischen Vorarbeit“ (:182).

Die Monografie hat einen klaren Aufbau:

  • Kapitel 1: Die Jesus-Überlieferung
  • Kapitel 2: Die Frühjüdische Volksbildung
  • Kapitel 3: Die Lehrautorität Jesu
  • Kapitel 4: Die Öffentliche Lehre
  • Kapitel 5: Die Jüngerlehre

Entgegen der 3. Aufl. (1988) wird das ca. 20seitige Nachwort in den Haupttext eingearbeitet. Die Zusammenfassung am Schluss bleibt mit ca. vier Seiten überschaubar. Ein Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe hat der Verlag Mohr Siebeck hier bereitgestellt.

Kapitel 1: Die Jesus-Überlieferung

Jesus interessiert, auch im 21. Jh.! Die oft zu unrecht gescholtene Gen Z interessiert sich zum Beispiel für Jesus (77% der Jugendlichen sind motiviert, mehr von Jesus zu erfahren). Die entscheidende Frage der Wissenschaft ist: Wie tragfähig sind die Quellen? (:1).

1. Die synoptische Frage

Auch wenn es lange so schien, überzeugen einfache Lösungen (Zwei-Quellen-Theorie, Q-Hypothese usw.) nicht (:4–9).

„The scholarly community of New Testament experts has cut itself very badly with Occam’s Razor.“

John C. O’Neill bei Riesner 2023:9

Vorzuziehen sind komplexere Erklärungsansätze, die Einbeziehung des mündlichen Faktors und das Rechnen mit einem mehrstufigem Prozess (:10f). Riesner fordert, von einem breiten Traditionsstrom auszugehen und den Einfluss von Nebentraditionen nicht zu unterschätzen (:12).

2. Von der ‚klassischen‘ Formgeschichte zum ‚Erinnerten Jesus‘

Die klassische Formgeschichte von Martin Dibelius und Rudolf Bultmann hat trotz vielfältiger und berechtigter Kritik im Verlauf des 20. und 21. Jh. eine Zähigkeit und einen enormen Überlebenswillen bewiesen (:16–18). Riesner macht sich die Mühe und problematisiert bekannte Thesen der Formgeschichte:

  • Propheten-Hypothese – Urchristliche Prophetensprüche wurden im großem Ausmaß nachträglich als Worte des irdischen Jesus angesehen und übernommen (:18–21).
  • Kollektivistisches Literaturverständnis – Die Evangelien seien wie andere antike Werke Produkte gemeinschaftlicher Volksdichtung, in denen individuelle Zeugen keine Rolle spielten (:22–24).
  • Zeitlose Überlieferungsgesetze – Die Überlieferung sei strikten, deterministischen Gesetzen gefolgt und habe dadurch spezifische ‚Formen‘ hervorgebracht (:24–26).
  • „Reine Formen“ – Viele Urteile über die Unechtheit der Überlieferung postulierten eine Abweichung von einer ursprünglichen ‚reinen Form‘ (:26–28).

Die ‚klassische‘ Formgeschichte hat die Bedeutung der mündlichen Überlieferung und die Existenz der Evangelientradition innerhalb christlicher Gemeinden betont (:28f). Zeitgleich hat sie aber durch fragwürdige Annahmen und kollektivistischen Konstrukte den Überlieferungsprozess überfrachtet und konnte auch in der Detail-Analyse nicht überzeugen (:29).

Was aber bewirkte die Third Quest of Jesus? Bezeichnend war für diese Phase der Frage nach Jesus (N. T. Wright, 1988) „1) der Verzicht auf christologische Deutungsmuster, 2) den Bezug zur Sozialgeschichte, 3) das Ernstnehmen des jüdischen Kontextes und 4) die Berücksichtigung außerkanonischer Überlieferungen“ (Winter bei :30).

Einigen fruchtbaren Jesus-Darstellungen folgte dann der Trend hin zur Bedeutung des „sozialen Gedächtnisses“. Dieses Konzept des social memory geht davon aus, dass individuelle Erinnerungen „auch immer stark von den Vorstellungen der erinnernden Gemeinschaft geprägt“ sind (:32). Die Tragfähigkeit von Erinnerungen wird auch in der modernen Gedächtnisforschung unterschiedlich (pessimistisch vs. optimistisch) bewertet (:32f). Auch hier ist die Forschung nicht zu einem Konsens gekommen: Sie schwankt zwischen Zuversicht und Skepsis des kollektiven Gedächtnisses (:33f).

3. Der Weg der Überlieferung

Riesner setzt in der „Zuverlässigkeit der vorsynoptischen Jesus-Überlieferungen“ bei den synoptischen Evangelien selbst an. Eine andere Möglichkeit stellt sich seiner Ansicht nach nicht. Wie historisch verlässlich sind die synoptischen Evangelien? Wieviel Zugang hatten ihre Verfasser zu Traditionen von Augen- und Ohrenzeugen? Wie bewahrend wollten die Evangelisten schreiben?

„Nur wenn man in beiden Fällen eine positive Antwort geben kann, ist es sinnvoll, die weitergehende Frage nach der historischen Tragfähigkeit der vorsynoptischen Traditionen zu stellen.“

Riesner 2023:37

Riesner möchte daher bewusst historische Annahmen offen legen, wenn er „das Bild von der Entstehung, Entwicklung und Gestalt der urchristlichen Bewegung im 1. Jahrhundert“ untersucht (:37). Dieser Grundfrage nähert er sich mit äußerster Akribie und Gründlichkeit. Daher werden zunächst acht grundlegende Aspekte der Überlieferung behandelt1, bevor ein „Versuch einer Synthese: Von Jesus zu den synoptischen Evangelien“ (:127-138) nachgezeichnet wird. Dabei zeichnet Riesner konsequent – was leider nicht selbstverständlich für Teile deutscher Forschung scheint – die Stimmen internationaler (angelsächsischer) Forschung nach. Ab S. 75ff erweitert er seinen bisherigen Ansatz (3. Aufl.) um weitere „Themen und Probleme“ der Forschung. Insgesamt entfaltet Riesner in Teilen bemerkenswerte Thesen:

  • Die synoptischen Evangelien möchten den Übergang von den Urzeugen um das Jahr 70 n. Chr. fixieren (:49). Das ist im Wesentlichen ihr Sitz im Leben.
  • Die Synoptiker werden ihre Evangelien vor 70 n. Chr. verfasst haben (:41f, 45, 48). Alle Evangelien haben einen ‚historischen Aussagewillen‘ (:53f). Das „christlich-apokryphe Material“ konnte diese Erwartungen nicht erfüllen (:2).
  • In Bezug auf den Mündlichkeitsfaktor wählt Riesner einen Mittelweg im Sinne einer Schulüberlieferung mit einem Mix aus „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ (:87).
  • Bei der Praxis der Überlieferung stellt er sieben Gruppen von Akteuren vor, die sich an einer „‚gepflegte[n] Überlieferung“ beteiligt hatten: Petrus, die Zwölf und die Jerusalemer Urgemeinde; die Großfamilie Jesu, die „Hebräer“ (Lk 24,18; Apg 6,1) und galiläische Frauen; der johanneische Kreis; Matthäus und das Judenchristentum in Galiläa, Dekapolis und West-Syrien; die „Hellenisten“ (Apg 6,1) und Antiochien; die bekehrten Priester und der Levit Barnabas; Paulus, seine Mitarbeiter und die Gemeinden (:98-119). Damit entfaltet Riesner ein Szenario der Überlieferung, das sich nicht primär in den Studierstuben der Evangelisten abgespielt hat, sondern mitten im Verkündigungsalltag und Leben der Gemeinden. Die Jesus-Überlieferung wird damit zur Sache der ‚kleinen Leute‘, wobei damit keineswegs ein ungebildetes Proletariat (gegen F. Overbeck, M. Dibelius, A. Deißmann) gemeint sei. Eine hohe Bildung der Christen wird jüngst in der Forschung postuliert, was man durchaus als „neuen Konsensus“ bezeichnen kann (:119–123; Wright & Bird 2020:40f).; Schnelle 2015:115f).
  • Die altkirchliche Überlieferung, wonach Johannes Markus als Hörer und Mitarbeiter von Petrus war, wird überzeugend begründet (:38–42; 123–126).
  • Papias, der Bischof von Hierapolis, wird als verlässlicher antiker Historiker gewürdigt und die Existenz der Evangelien als „Vier-Evangelien-Sammlung“ in Ephesus beim Johannes-Kreis (Polykarp von Smyrna, Irenäus von Lyon) erwogen (ältere Theodor-Zahn-These; :126–127).
Synthese: Von Jesus zu den synoptischen Evangelien

Für Riesner steht fest: Die synoptische Frage krankt daran, dass in der Forschung stets nur einige Bestandteile überzeugend erklärt werden, aber das Phänomen selbst nicht umfassend genug. Daher ist nur ein „komplexes Modell“, das möglichst viele Einzelphänomene einbezieht, auf Dauer überzeugend (:127f).

„Gerade auch viele ältere Exegeten [z. B. Wilhelm Bussmann, Paul Feiner] zeigen aber eine bemerkenswerte Sensibilität gegenüber der Komplexität der synoptischen Frage.“

Riesner 2023:128

Delbert Burkett (Gospel Sources, 2004) folgend postuliert Riesner eine literarische Unabhängigkeit(!) zwischen den ersten drei Evangelien (:128). Riesners Modell der Jesus-Überlieferung zeigt die Fülle an Quellen und verbindet die mündliche und literarische Überlieferung organisch miteinander.

Riesner 2023:129

Riesner führt ergänzend an: Die in der hellenistischen Pädagogik und im Judentum übliche Methode des Memorierens unterstützte eine Worttreue der Jesus-Überlieferung (:133–136).

„Am Anfang des Urchristentums stehen klar umrissene ‚Persönlichkeiten‘.“ – Martin Hengel

Bei Riesner 2023:139

Daher ist die in die Evangelien eingemündete Jesus-Überlieferung „im engen Kontakt mit den Augen- und Ohrenzeugen erfolgt“ (:139). Deshalb sind die ‚alten Thesen‘ von Martin Dibelius, Rudolf Bultmann u. a., dass anonyme, ungebildete Kollektive, die nur durch praktische (nicht historische) Interessen geleitete Gruppen (M. Dibelius, R. Bultmann) und der Einbezug ‚fremder Stoffe‘ aus anderen religiösen Zirkeln (R. Bultmann) die Jesus-Story ausgeschmückt hätten, nicht überzeugend. Man wird sogar mit einer „‚gepflegten‘ Überlieferung“ vor den Osterereignissen rechnen müssen (gegen K. A. Bailey, J. D. G. Dunn, J. Schröter).

Vielmehr ist mit E. A. Judge, K. Haacker, C. K. Barrett von einer Kontinuität „zwischen der späteren Gestaltwerdung der urchristlichen Gemeinden und dem Auftreten Jesu“ auszugehen (:139). Riesner möchte dann im Folgenden begründen, dass Jesus selbst als messianischer Lehrer dieses „Traditionskontinuum zwischen der vor- und nachösterlichen Zeit“ initiiert hat (:140).

4. Der Ursprung der Überlieferung

Inwiefern hat Jesus selbst die (vorösterliche) Überlieferung bewirkt? Hat er etwa wie ein jüdischer Rabbi gelehrt und damit eine Lehrtradition begründet? Positiv auf diese Fragen haben Clemens Alexandrinus sowie Irenäus von Lyon geantwortet (:141). Riesner sichtet dann im Folgenden sämtliche wissenschaftliche, erbauliche, dogmatische und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen seit dem 19. Jh. (:142–157). Riesner stellt fest, die Antwort auf die Fragen stark mit der Herkunft, dem Bildungsmilieu Jesu und seinem Autoritätsanspruch zusammenhängt (:157). Entscheidend ist zudem, welches Bild man sich „von den nachösterlichen Gemeinden, ihren prägenden Gestalten und deren Weitergabe von Traditionen macht“ (:158).

5. Die Analyse der Überlieferung

Dieser Teil ist das methodische Herz der Studie. Riesner legt seine Annahmen und Herangehensweise offen. So plädiert er für Intersubjektivität bzw. einen kritischen Realismus in der historischen Forschung (:159–162) und eine Priorität und Wertschätzung der Quellen (:162f). Er hinterfragt die Annahme einer prinzipiellen Skepsis (so R. Bultmann, A. Scriba; :163–167) und spricht sich für die Haltung einer „kritischen Sympathie“ des Historikers aus (:167f).

Die substantielle Echtheit [S. 169] synoptischer Überlieferung darf erwartet, ihre Unechtheit muss begründet werden.

Riesner 2023:167

Im Folgenden definiert Riesner Echtheit als ein historisches Urteil, „ob ein tradierter Ausspruch als solcher auf den irdischen Jesus zurückgeht“ (:169). Nachdem er die 50jährige Forschungsdiskussion gesichtet hat (:170, Fussnote 85-86), formuliert er elf grundsätzliche Kriterien und nimmt ihre Einordnung vor, die in Ergänzung zueinander ein historisches Urteil verlässlich machen (:171-177.179-182).

Kapitel 2: Die Frühjüdische Volksbildung

Um im Ergebnis Aussagen über die Bildung Jesu machen zu können, untersucht Riesner mit historischer Akribie die drei jüdischen „Volksbildungstraditionen“: Das Elternhaus, die Synagoge und die Elementarschule (:189-314). Dies ist methodisch sinnvoll, da es kaum direkte Hinweise zur Bildung Jesu gibt (:185). Drei Exkurse (Literatur zur alttestamentlich/ frühjüdischen Bildung; Auswendiglernen im Alten Testament; Babylonischer Talmud, Baba Bathra 21a) ergänzen die Ausführungen.

Im Blick auf die Bildung Jesu kommt Riesner dann zu folgenden Ergebnissen: Gemäß sämtlichen ältesten Quellen besaß Jesus keine „höhere“ schriftgelehrte Ausbildung. Das Aufwachsen und die Verwurzelung in einem jüdischen Milieu Galiläas sicherten ihm ein großes Maß an biblischem Wissen sowie eine solide Exegese und Traditionstechnik. Die jüdische Bildung Jesu ist aber insgesamt nicht zu unterschätzen, konnte er sich doch mit kundigen Schriftgelehrten auf ihrem Gebiete messen lassen. Jesus hat in seiner Lehre sowohl frühjüdische sowie hellenistische Bezüge aufgenommen, aber die frühjüdischen und insbesondere die alttestamentlichen Traditionen bleiben prägend (:373).

3. Die Lehrautorität Jesu

10. Der Lehrer

11. Der Prophet

12. Der „Messias“

4. Die Öffentliche Lehre

13. Verkündigung vor den Volksmengen

14. Die Sprache der Lehre

15. Bewahrende Formung

16. Die Gespräche

5. Die Jüngerlehre

17. Der Jüngerkreis

18. Die Aussendung

19. Esoterische Unterweisung

20. Die ortsfesten Anhänger Jesu

Würdigung

Was ist neu in der 4. Auflage?

Das opus magnum enthält in der 3. Auflage 520 Seiten Text und 79 Seiten Bibliographie. In der 4. Auflage verteilen sich 636 Seiten auf den Text und die Bibliographie wächst auf 176 Seiten an. Damit erweitert sich der Haupttext um ca. 18%. Die mehr als Verdoppelung der Bibliographie bestätigt den Eindruck, dass Riesner die Forschung seit der 3. Auflage gründlich durchgeforstet und viele weitere Quellen in seinem Werk verarbeitet hat.

Entgegen der 3. Auflage fällt die Zusammenfassung in der neuesten Aufgabe kurz aus (:633–636). Das ist aber kein Nachteil, weil die 3. Auflage aus einem „Nachwort“ von ca. 17 Seiten bestand, das nun sinnvollerweise in den Haupttext eingearbeitet worden ist.

Das Kapitel 1: Die Jesus-Überlieferung erhält an wichtigen Scharnierstellen eine überzeugende Weiterführung (3. Aufl.: 1–96 Seiten; 4. Aufl.: 1–184 Seiten). Hinzu kommen:

  • Synoptische Frage: Ein komplexes Entstehungsmodell
  • Formgeschichte: Verdienste, Verluste, offene Fragen; Die sogenannte Third Quest; Der ‚Erinnerte Jesus‘ im sozialen Gedächtnis
  • Weg der Überlieferung: Rabbinische Traditionsanalogien; Ein erweiterter Ansatz; Flexible und fixierte Mündlichkeit; Versuch einer Synthese; Ein unüberwindbarer Ostergraben?
  • Ursprung der Überlieferung: Neuere Veröffentlichungen (seit 1990), Christologie, Soziologie und Überlieferung
  • Analyse der Überlieferung: Beurteilung der Kriterien

Das Kapitel 2: Die frühjüdische Volksbildung würdigt nun im Besonderen die „anwachsende Literatur zur Art und Verbreitung einer frühjüdischen religiösen Bildung“ (:VII). Das Werk liefert daher auch einen Beitrag „zu einem Bereich der judaistischen Forschung“ (:VII; 3. Aufl.: 149 Seiten; 4. Aufl.: 190 Seiten). Neu ist:

  • Elternhaus, Frömmigkeit und Bildung
  • Exkurs: Literatur zur alttestamentlichen/frühjüdischen Bildung
  • Resümee: Von der königlichen Zeit bis zum Rabbinischen Judentum
  • Unterrichtsmethoden
  • Exkurs: Babylonischer Talmud, Baba Bathra 21a

Das Kapitel 3: Die Lehrautorität Jesu fällt in der neuesten Auflage kürzer aus. Riesner schafft es, seine bisherigen Ausführungen im Wesentlichen beizubehalten und zu straffen (z. B. Der Exkurs IV: Rabbi und Rabbuni beschränkt sich nun auf 5 Seiten, statt wie bisher 10 Seiten; 3. Aufl.: 107 Seiten; 4. Aufl.: 92 Seiten). Hinzu kommen die Unterkapitel:

  • Vielfältige frühjüdische Messiaserwartungen
  • Endzeitliche Lehrer im Alten Testament
  • Messianische Lehrer im Frühjudentum

Das Buch „Jesus als Lehrer“ von Rainer Riesner ist ein Klassiker der neutestamentlichen Forschung, der 2023 in der vierten Auflage erschienen ist. Der Autor ist Professor für Neues Testament an der Universität Dortmund und ein international anerkannter Experte für die historische Jesusforschung. In diesem Buch untersucht er die Rolle Jesu als Lehrer im Kontext des antiken Judentums und der hellenistischen Welt. Er zeigt, wie Jesus die Traditionen der Schriftgelehrten, Propheten und Weisheitslehrer aufgriff, veränderte und erweiterte, um seine Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. Dabei geht er auch auf die Fragen ein, wie Jesus seine Jünger auswählte, ausbildete und beauftragte, wie er mit seinen Gegnern umging und wie er seine Lehre durch Zeichen und Wunder bestätigte.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Der erste Teil behandelt die Voraussetzungen und Grundlagen der Lehrtätigkeit Jesu, der zweite Teil analysiert die Inhalte und Methoden seiner Lehre und der dritte Teil beschreibt die Wirkungen und Folgen seiner Lehre für seine Nachfolger. Jeder Teil besteht aus mehreren Kapiteln, die jeweils einen Aspekt der Lehre Jesu beleuchten. Am Ende jedes Kapitels gibt es einen kurzen Abschnitt mit Anmerkungen, Literaturhinweisen und weiterführenden Fragen. Das Buch ist somit sowohl für wissenschaftliche als auch für interessierte Laien geeignet, die sich vertieft mit dem Thema beschäftigen wollen.

Das Buch besticht durch seine klare Sprache, seine fundierte Argumentation und seine breite Kenntnis der einschlägigen Quellen und Forschungsliteratur. Der Autor versteht es, die historischen, kulturellen und religiösen Hintergründe der Lehre Jesu anschaulich darzustellen und ihre Bedeutung für die Gegenwart herauszuarbeiten. Er bietet keine einfache Wiederholung dessen, was schon bekannt ist, sondern stellt neue Thesen und Perspektiven vor, die zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Er respektiert sowohl die Eigenart Jesu als auch die Vielfalt seiner Rezeption in den Evangelien und in der Kirchengeschichte. Er vermeidet es, Jesus in eine bestimmte theologische oder ideologische Schublade zu stecken, sondern lässt ihn als den sprechen, der er war: ein Lehrer, der die Welt veränderte.

Die wichtigsten Thesen des Buches sind:

  • Jesus war kein isolierter Einzelgänger, sondern stand in einer lebendigen Beziehung zu den religiösen Strömungen seiner Zeit. Er kannte und schätzte die Schriften des Alten Testaments, die Apokryphen, die Pseudepigraphen und die Qumran-Schriften. Er war vertraut mit den Lehren der Pharisäer, Sadduzäer, Essener und Zeloten. Er pflegte Kontakte zu den Heiden und Samaritern. Er war offen für die Einflüsse der griechischen Kultur und Philosophie.
  • Jesus war kein dogmatischer Lehrer, sondern ein kreativer Interpret. Er nutzte verschiedene Formen der Rede, wie Gleichnisse, Sprichwörter, Antithesen, Paradoxien und Ironien. Er verwendete verschiedene Methoden der Argumentation, wie Analogien, Fragen, Zitate und Überbietungen. Er bezog sich nicht nur auf die Buchstaben des Gesetzes, sondern auf den Geist und das Ziel des Gesetzes. Er legte nicht nur Wert auf das Wissen um Gott, sondern auf die Liebe zu Gott.
  • Jesus war kein autoritärer Lehrer, sondern ein dienender Leiter. Er suchte nicht nach Anhängern, sondern nach Freunden. Er forderte nicht nur Gehorsam, sondern auch Vertrauen. Er lehrte nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Er gab nicht nur Anweisungen, sondern auch Beispiele. Er bot nicht nur Informationen, sondern auch Inspiration.

Dieses Buch sollte von allen gelesen werden, die mehr über Jesus als Lehrer erfahren wollen. Es richtet sich an Studierende der Theologie und Religionswissenschaften, an Pfarrerinnen und Pfarrer sowie an alle Christinnen und Christen, die ihr Verständnis von Jesus vertiefen wollen. Es ist auch für Menschen anderer Glaubensrichtungen oder ohne religiöse Bindung interessant, die sich für die historische Person Jesu und seine Bedeutung für die Weltgeschichte interessieren. Es ist ein Buch, das zum Lernen, zum Nachdenken und zum Nachfolgen einlädt.


Quellen

1 Dazu gehören: 3.1 Datierung und Personenkontinuität; 3.2 Die Synoptiker als Geschichtsquellen; 3.3 Nichtpraktische Tradierungsmotive; 3.4 Rabbinische Traditionsanalogien; 3.5 Ein erweiterter Ansatz;
3.6 Flexible und fixierte Mündlichkeit; 3.7 Tradierung und Anwendung; 3.8 „Gepflegte“ Überlieferung (:35–127).


Bibliographie

Schnelle, Udo 2015. Das frühe Christentum und die Bildung. NTS 61(02), 113–143.

Wright, N. T. & Bird, Michael F. 2019. The New Testament in its World: An Introduction to the History, Literature, and Theology of the First Christians. Grand Rapids: Zondervan Academic.

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